19482006
 

Claude Jade

Akteur, Archivmaterial

Am Theater von François Truffaut entdeckt (auf "Geraubte Küsse" folgen "Tisch und Bett" und "Liebe auf der Flucht"), spielt Claude Jade auch in amerikanischen (Hitchcocks "Topas"), japanischen, italienischen, belgischen und sowjetischen Filmen. Seit ihrem Start widmet sie sich neben dem Kino dem Fernsehen (neben Literatur- und Theater-Adaptionen u.a. auch Serien wie "Die Insel der 30 Tode").

Leben und Werk

Kindheit und Jugend

Bereits als 14jährige nimmt sie Kurse am Conservatoire d’Art Dramatique und tritt 1964 als Molières Agnès an der Comédie de Bourgogne auf. Zwei Jahre später erhält sie den Prix de Comédie und geht nach Paris, wo sie Schülerin Jean-Laurent Cochets wird. Der empfiehlt sie Sacha Pitoëff, bei dem sie am Théâtre Moderne die Frida in Pirandellos Heinrich IV spielt. Dann kommt François Truffaut in die Generalprobe, ist “absolut hingerissen von ihrer Schönheit, ihrem Wesen, ihrer Freundlichkeit und ihrer Lebensfreude” und gibt ihr kurz darauf die Rolle der Christine Darbon in Geraubte Küsse.

Zusammenarbeit mit Truffaut

In “Geraubte Küsse” spielte Claude Jade die sanfte Musikstudentin Christine Darbon, die ihrem Freund Antoine Doinel am Ende ein Heiratsversprechen gibt. In jener Szene, in der Christine am Frühstückstisch zeigt, wie man einen Zwieback bestreicht ohne ihn zu zerbrechen:

Ich bringe dir alles bei, was ich kann, wie zum Beispiel diesen Zwiebacktrick und du bringst mir alles bei, was du kannst.

Claude Jade ist nicht nur die beständige Liebe, die Verlobte, die zuerst betrogene und dann zurückgekehrte Ehefrau und die beständige Ex-Frau von Antoine Doinel, die ihre graziöse Zurückhaltung aus den Geraubten Küssen zwei Jahre später in Tisch und Bett rekapituliert:

Jetzt stellen Sie sich mal ‘ne zwanzigjährige Jungfrau vor. Ich war ein wandelnder Anachronismus.

Truffaut und die 17 Jahre jüngere Claude Jade führen während der Dreharbeiten im Februar 1968 die Demonstrationen für Henri Langlois und die Cinématheque Française an, der dreihundert Filmschaffende folgen. Truffaut bittet die Eltern um die Hand ihrer Tochter und nimmt kurz vor der Hochzeit – mitten im Pariser Mai – feige Abstand von seinen Absichten. Die Verletzung wird anhalten, doch die Arbeit und eine tiefe Freundschaft verbindet die beiden weiterhin, mit einer innigen Korrespondenz und mit weiteren Filmen. Mit Tisch und Bett entstanden eineinhalb Jahre nach dem privaten Rückzieher Truffauts, in dem sie sich nach Antoines Seitensprung mit einer nie lächelnden Japanerin als blonde Geisha maskiert und ihr eine Träne über die Maquillage rollt – und uns für unser Lachen schämen lässt – ist jener Film, in dem sie so überzeugend erklärt, ein Kunstwerk könne keine Abrechnung sein. Und mit Liebe auf der Flucht , in dem sich beide nach weiteren Seitensprüngen Antoines in beiderseitigem Eiverständnis trennen und Freunde bleiben.

Sie versucht immer wieder, dem Etikett der Christine zu entfliehen – durchaus oft gelingt ihr das, doch für die meisten blieb sie ewig “la petite fiancée du cinéma français”. Selbst der cinephile Daniel Cohn-Bendit kontaktiert sie 1986, um Truffauts Helden wieder zu vereinen. In jenem Jahr spielt sie fürs Kino die ambivalente Alice in René Ferets L'homme qui n'était pas là, jenseits dem Klischee des reinen Mädchens, gegen dass sie so lange aufbegehrte – die Schauspielerin, die 1970, jenem Jahr in dem sie als beliebteste Schauspielerin Frankreichs ausgezeichnet wurde, sagte:

Reden Sie mir nicht von Stars, von Namen in Großbuchstaben an den Kinofassaden. Das Wort Schauspielerin ist edler als das Wort Star. Finden Sie nicht?

Hitchcock, Molinaro, Jutkewitsch, Mocky

Alfred Hitchcock holt sie für die Rolle der Agententochter Michèle Picard in Topas nach Hollywood. Hitchcock fantasiert der Presse von “Look” vor, Claude Jade sei “eine ruhige junge Dame, doch für ihr Benehmen auf dem Rücksitz eines Taxis würde ich keine Garantie übernehmen”. Die Arbeit mit Hitchcock, bei der ihre anfangs so unbeschwerte Journalistenbraut schließlich den “toten” Philippe Noiret in der Rolle eines ermordeten Spions auf dem Dach eines Autos findet und um das Leben ihres Mannes bangen muss, blieb ein schönes Souvenir. Sie verzichtet dennoch auf den exclusiven Sieben-Jahres-Vertrag, um in ihrer Heimat arbeiten zu können. In Frankreich folgen nun zahlreiche schöne Aufgaben. Da ist vor allem die Manette in Edouard Molinaros Historienkomödie Mein Onkel Benjamin (1969): Claude Jade mimt die Gastwirtstochter, die Jacques Brels Benjamin nur gegen einen Ehevertrag ihre Blüte geben will und dann auch ohne Kontrakt glücklich mit ihm wird.

Privat ist sie nach Truffaut zu jener Zeit mit ihrem Film-Verlobten aus Der Zeuge, Jean-Claude Dauphin liiert, danach ein halbes Jahr mit dem Schauspieler Michel Duchaussoy zusammen, bevor sie 1972 den Diplomaten Bernard Coste heiratet.

Neue Rollenbilder

In Le bateau sur l’herbe, dem poetischen Testament der Freundschaft von Gérard Brach und Roman Polanski, bricht sie 1970 erstmals mit dem Image der sanften, reinen Heldin, die hier zwei Freunde entzweit – mit Erfolg. Auch die sich auf einen dubiosen Gérard Barray einlassende Cécile in Der Zeuge, Annie Girardots renitente Tochter Laura in Kerzenlicht und die Pflegerin Claire in Trautes Heim sind Ausbrüche aus dem bisherigen Rollenbild. Doch zumeist ist sie positive Heldin, etwa die Françoise im Zölibats- und Résistance-Drama Der Abbé und die Liebe oder die Dominique in der Komödie Ein Pauker zum Verlieben. In Doppelrollen – als Anne und Juliette in Le Choix und als Lise et Laura – zeigt sich die Ambivalenz ihrer Charaktere. Claude Jade spielt in ihrer rund 80 Kino- und TV-Filme umfassenden Karriere auch in belgischen und italienischen Filmen, in Japan bei Kei Kumai, in der Sowjetunion bei Altmeister Sergej Jutkewitsch die Revolutionärin Inessa Armand (Lenin in Paris) und beim Regie-Duo Alow und Naumow die Terroristin Françoise (Teheran 43); Dank Anarcho-Regisseur Jean-Pierre Mocky bricht Claude Jade 1994 ein weiteres mal mit ihrem Rollentypus in der skurrilen Komödie Bonsoir als verklemmte Lesbierin Caroline mit drolliger Freundin und erzprüder Erbtante, der schließlich dank einer List des Clochards Michel Serrault die Erbschaft gerettet wird. Nicht minder ungewöhnlich sind es in den folgenden Jahren die unbeschwerte Gouverneursgattin im erst 1998 aufgeführten Das Floß der Medusa (1987-1991) und im neuen Jahrtausend die Alkoholikerin im Kurzfilm “Aufwärts” aus dem Omnibus Drogen-Szenen (2000).

Daneben findet sie auf der Flucht vor dem “kleinen Mädchen” aus den “gestohlenen Küssen” viele “schwer zu verteidigende Rollen”, wie sie ihre Arbeit im Fernsehen gern bezeichnete: Schach dem Roboter ist in Deutschland zum Kult avanciert – so wie in Frankreich Die Insel der 30 Tode ein sechsstündiger Mehrteiler, der auf ihrer Dauerpräsenz beruht und von dem sich das deutsche Publikum – dank Arte – erstmals 1996 als Die Insel der dreißig Tode fesseln lassen durfte. Daneben entstehen TV-Filme wie das Kammerspiel Zwischen Tod und Leben nach Simenons “Glocken von Bicêtre”, die Vicki-Baum-Verfilmung Rendezvous in Paris, das mit dem “Prix des auteurs” ausgezeichnete Mystery-Drama Une petite fille dans les tournesols oder der Vierteiler Monsieur Seul, in dem sie eine skrupellose Mörderin spielt, die ihre Opfer in Kontaktanzeigen ausfindig macht. Ergreifend ist auch ihre schizophrene Gisèle in der Luce-Amy-Verfilmung Nous ne l'avons pas assez aimée. Von 1998 bis 2000 spielt sie in der Serie Cap des Pins die Hauptrolle der Anna Chantreuil. Aus den letzten Jahren bleiben ihre beeindruckenden Leistungen in zwei Fernsehkrimis: als geheimnisvolle Armande de Montcourtet in La Crim: Das Geheimnis (2004) und als vermeintliche Geldfälscherin Emma Nazarov in Groupe Flag: Wahr oder falsch (2005).

Als Ehrung ihrer Filmarbeit – parallel zu den vielen Theaterrollen – erhält sie 2000 in West Palm Beach den “New Wave Award” für ihre “Trend setzende Rolle in der Filmwelt” und den “einzigartigen Stil, der Generationen von Schauspielerinnen geprägt hat”, zwei Jahre darauf den “Prix Réconnaissance du Cinéma”. Nicht zu vergessen 1998 der Titel des “Ritters der Ehrenlegion”.

Eine Seltenheit im Milieu der Ellenbogen

Am 5. Dezember 2006 säumen unzählige Bouquets mit letzten Grüßen die Stufen des Pariser Tempels Oratoire du Louvre, in dem etwa 400 Menschen von ihr Abschied nehmen. “Claude Jade ist die Inkarnation der Eleganz, der Einfachheit und des Charmes Frankreichs” übersendendet Frankreichs Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres letzte Grüße.

“Sie war nie eifersüchtig, nie bitter, sie dachte immer zuerst an die anderen”, erinnert sich Jacques Rampal, Autor und Regisseur der letzten Theaterproduktion mit Claude Jade, Célimène et le cardinal, die 2006 auch verfilmt wurde: “Sie war in einem Milieu, in dem man sich mit dem Ellenbogen Bequemlichkeit verschafft, eine seltene Ausnahme”.

Ein viel zu früher Abschied, erzwungen vom Krebs. Claude Jade hatte gerade einen Tumor im Auge entfernen lassen und spielte die aus Molières Menschenfeind adaptierte Célimène bis zum 8. August 2006 weiter – mit einer Augenprothese, enormem Talent, voller Schönheit und Lebensfreude. Rampal in seiner Abschiedsrede:

Ihr Leben endete auf der Bühne. Es endete in Schönheit, in einer bemerkenswerten Vorstellung. Es war der 8. August, es war gestern.

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