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Die Technik des "last-minute-thinking"

 

Die Technik des “last-minute-thinking”

Der Titel A Bout De Souffle steht nicht allein für den Zustand des getriebenen, rastlosen Protagonisten Michel Poiccard. Die gesamten Dreharbeiten fanden in einem atemlosen Ausnahmezustand statt. Jean-Luc Godard erprobte seine neue Arbeitstechnik, die er später das “last-minute-thinking1” nannte. Er vermied es sich zu früh ein haargenaues Bild von seinem Film zu machen. Damit blieb er bis zur letzten Minute für mögliche Inspirationsquellen offen, die sich ihm in diesem Moment am Set boten. Jean-Luc Godard steigerte dadurch die Spannung und Konzentration aller Beteiligten und es gelang ihm die aufgebaute Grundstimmung auf die Leinwand zu übertragen. In dem atemlosen Zustand war es den Beteiligten unmöglich zuviel nachzudenken und bei Entscheidungen zu zögern. Jean-Luc Godard gelang es authentische Momente herzustellen, in denen sich jeder ganz auf sich und seine Intuition verlassen musste. „Das Resultat wird notwendigerweise aufrichtig und ehrlich sein2.“ A Bout De Souffle ist für seine Zeit ein äußert schneller, ideenreicher und lebendiger Film.

Zwischen Improvisation und Vorbereiteten

Jean-Luc Godard legte großen Wert darauf, dass seine Schauspieler nicht wie im Stile des Actors Studio in seinen Filmen improvisieren.

“Streng genommen ist es falsch zu sagen ich würde improvisieren lassen, genauso wenig wie ich immer. Ich verwende immer einen geschriebenen Text, obwohl er oft lediglich zwei oder drei Minuten vor Drehbeginn geschrieben wird (...) was bedeutet, dass die Schauspieler sich nicht vorbereiten können. Ich liebe es mich von hinten an die Schauspieler heranzuschleichen, ihn auf sich allein gestellt zu lassen, seinen tastenden Bewegungen zu folgen, die plötzlichen, unerwarteten, guten Momente einzufangen, welche nur spontan entstehen; und schrittweise bilde ich mir eine Idee, was ich selbst versuche zu tun.“3

Für A Bout De Souffle lag ein von François Truffaut geschriebenes Skript vor. Die Dialoge schrieb und verteilte Jean-Luc Godard aber immer erst wenige Minuten vor dem Dreh. Da die Schauspieler selbstverständlich den Text so schnell nicht auswendig lernen konnten, wandte er einen Trick an. Zum größten Teil ließ er den Film ohne Ton drehen. Dadurch konnte er den Schauspielern den Text extern hinzufügen. Nachträglich wurden die Dialoge zu den Lippenbewegungen nachsynchronisiert.

Für diese Art Filme ist Jean-Luc Godard nicht auf ausgebildete Schauspieler angewiesen. Er benötigt lediglich Darsteller, die sich in eine Situation hineinversetzen können. Aber in diese fiktive Situation müssen sie sich hineinfühlen, als sei sie real4. Sein häufig wiederholtes Ziel ist es in seine Filmen Figuren zu zeigen, die wie im normalen Leben agieren: “Ich sehe keinen Unterschied zwischen dem Film und dem Leben. Sie sind dasselbe5.”

Die Technik des “last-minute-thinking” ist also nie ganz Improvisation. Jean-Luc Godard hat sich durchaus lange Zeit Gedanken zu den Szenen gemacht. Die Endfassung entsteht aber immer am Set gemeinsam mit den Schauspielern und unter den entsprechenden Bedingungen. Der Regisseur beschreibt, dass es sowohl auf den Zufall und die Kontrolle ankommt:

“Es ist wie in der Wissenschaft. Arbeiten per Zufall. Wie es eine Menge Underground-Filmemacher tun. Wenn man mit dem Zufall spielt ist das Ergebnis einmal gut und hundert Mal schlecht. Ich arbeite lieber sowohl per Zufall als auch mit Kontrolle. Das ist der Grund warum ich mich weder als Hollywood Regisseur noch als Underground Regisseur bezeichnen würde.”6

Quellen

1 David Sterritt: The films of Jean-Luc Godard – Seeing the invisible, Cambridge, Cambridge Univ Pr, 1999, S. 46

2 David Sterritt: The films of Jean-Luc Godard – Seeing the invisible, Cambridge, Cambridge Univ Pr, 1999, S. 47

3 Interview mit Jean-Luc Godard. in: David Sterritt (Hrsg.): Interviews, 1. Auflage, 1998, Mississippi, University Press of Mississipp, S.7

4 Interview mit Jean-Luc Godard. in: David Sterritt (Hrsg.): Interviews, 1. Auflage, 1998, Mississippi, University Press of Mississipp, S. 33

5 Interview mit Jean-Luc Godard. in: David Sterritt (Hrsg.): Interviews, 1. Auflage, 1998, Mississippi, University Press of Mississipp, S. 12

6 Interview mit Jean-Luc Godard. in: David Sterritt (Hrsg.): Interviews, 1. Auflage, 1998, Mississippi, University Press of Mississipp, S. 34