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Medienkritik in Film und Soziologie

 

Medienkritik in Film und Soziologie

Oliver Stones Natural Born Killers bewegt sich sehr nahe an einer Diskussion, die unter anderem auch vom Soziologen Kaspar Maase geführt wird und die die „Massenkultur“ zum Inhalt hat. Maase spitzt diese in Spiel ohne Grenzen (1994) zu 1.

Er meint damit die in seinen Augen immer niveaulosere Unterhaltung der Massen durch die Medien, die ständig angeheizt wird durch das Überschreiten weiterer Grenzen. Verantwortlich für diese Tendenz ist – wie Maase zeigt – das Verschwinden der klassischen Populärkultur, die durch einen Lifestyle-Pluralismus abgelöst wurde. Das bedeutet, dass jeder – egal welcher Schicht zugehörig – jede Art von Unterhaltung konsumiert, im Gegensatz zu den vorherigen Jahrzehnten und Jahrhunderten, in denen die Grenzen zwischen den Bevölkerungsschichten und eben auch ihrer Freizeitgestaltung deutlicher waren.

Dies hat einerseits zur Folge, dass ehemals gehobene Milieus, in denen seichtere Unterhaltung verpönt war, nun bedenkenlos an den Vergnügungen der ehemaligen Unterschicht, wie Sport oder Kino, teilnehmen, aber andererseits auch ehemalige „Unterschichtler“ golfen oder zu Lesungen gehen.

Was oberflächlich betrachtet durchweg positiv klingt, wird bei genauerer Betrachtung deutlich, dass diese Tendenz auch sehr negative Auswirkungen hat. Vor allem für die Teile der ehemaligen Unterschicht, die kein Interesse an den neu gewonnen Möglichkeiten haben, die lieber ihre angestammten Interessensgebiete weiter exklusiv nutzen wollen würden. Sie gewinnen also nichts durch diesen Wandel, sondern büßen im Gegenteil Terrain ein.

Eben diese zahlreichen Verlierer des Kulturwandels werden von den Medien mit dem bedient, was Maase als Spiel ohne Grenzen bezeichnet: Einer Unterhaltung, die sich der Antiästhetik verspricht und die Grenze der Geschmacklosigkeit immer weiter nach unten verrückt – ohne dass dabei ein Ende in Sicht wäre.

Interessant im Bezug auf Natural Born Killers ist dabei, dass der Aufsatz Maases Spiel ohne Grenzen – Von der ‚Massenkultur’ zur ‚Erlebnisgesellschaft’: Wandel im Umgang mit populärer Unterhaltung und Oliver Stones Film im selben Jahr erscheinen und auf verschiedene Art und Weise die gleiche Entwicklungstendenz kritisieren. Maase, indem er den geschichtlichen Wandel der populären Handlung historisch nachzeichnet und Oliver Stones, indem er die sensationsgeile Presse überspitzt. Die Rolle der Medien repräsentiert im Film die Figur des Reporters Wayne Gale (gepielt von Robert Downey Jr.), die Oliver Stones mit einer möglichen Konsequenz deren verantwortungslosen Handelns konfrontiert: Dem mit Starkult verehrten mordenden Ehepaar Mickey (Woody Harrelson und Mallory (Juliette Lewis) Knox, das am Ende des Films Reporter Gale mit dem Verweis ermordet, dass seine Rolle durch die laufende Kamera übernommen wird. Was bedeutet, dass der Mensch im Vergleich zur Sensation einen geringeren Wert hat.

Oliver Stones erschafft somit mit Natural Born Killers das filmische Gegenstück zur soziologischen Kritik Maases an den Medien.

Quelle:

Maase, Kaspar: Spiel ohne Grenzen. Von der ‚Massenkultur’ zur ‚Erlebnisgesellschaft’: Wandel im Umgang mit populärer Unterhaltung. In: Zeitschrift für Volkskunde 90, 1994, Bd. I. S. 13 – 36.

1 Siehe: Maase, Kaspar: Spiel ohne Grenzen. Von der ‚Massenkultur’ zur ‚Erlebnisgesellschaft’: Wandel im Umgang mit populärer Unterhaltung. In: Zeitschrift für Volkskunde 90, 1994, Bd. I. S. 13 – 36.

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